Wohin die Reise gehen soll, 2

Zu vage, habe ich geschrieben, seien die Vorstel­lun­gen von der nichtkap­i­tal­is­tis­chen Wirtschaft, und bin dann selb­st ganz vage geblieben. Im Fol­gen­den möchte ich ver­suchen, diese Vagheit nach und nach zu beheben und meinen Vorschlag zu konkretisieren. 

Die Ele­mente nichtkap­i­tal­is­tis­ch­er Ökonomie, die es heute bere­its gibt, und die sich in eine nachkap­i­tal­is­tis­che über­führen ließen, lassen sich meines Eracht­ens in zwei Grup­pen ein­teilen. Die erste nenne ich “demokratisch-sozial­is­tisch” (dem.soc), die zweite “kom­mu­nis­tisch” (com).

Dem.soc sind die Bere­iche, die in ihrer Gestalt der kap­i­tal­is­tis­chen Ökonomie insofern ähneln, als es hier noch Warentausch und Lohnar­beit gibt. Allerd­ings unter­liegen die Waren eben­so wie deren Preise und auch die Löhne ein­er demokratis­chen Kon­trolle. Das gilt im Prinzip für alle Bere­iche des wirtschaftlichen Lebens, die in öffentlich­er Hand sind, beispiel­sweise ÖPNV. Weit­ere Bere­iche zu sozial­isieren, wie etwa Wohneigen­tum, ist daher eine logis­che Forderung link­er Poli­tik. Es gibt dazu bere­its durch­dachte und vernün­ftige Vorschläge.

Com nenne ich Bere­iche, die ganz ohne Warentausch und Lohnar­beit auskom­men. Beispiele wären hier die freie Soft­ware und Wikipedia, die in kom­mu­nis­tis­ch­er Pro­duk­tion­sweise ent­standen sind: Frei­willig Assozi­ierte arbeit­en gemein­sam an Pro­duk­ten, die dann kosten­frei der Öffentlichkeit zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. (Wer dazu mehr erfahren möchte, liest am besten die älteren Texte von Chris­t­ian Siefkes.) Als Beispiele kom­mu­nis­tis­ch­er Dis­tri­b­u­tion­sweise lässt sich auf P2P-Net­zw­erke ver­weisen. (Bit­Tor­rent ist die per­fek­te Tech­nik kom­mu­nis­tis­ch­er Verteilung: dezen­traler bedürfnisori­en­tier­er Aus­tausch unter Gleichen.) 

Auf ein­fache Formeln gebracht, bietet sich dem.soc über­all dort an, wo es um das Teilen und Verteilen von im Prinzip knap­pen Gütern wie Raum und Mobil­ität geht, während com dort funk­tion­iert, wo kopiert wer­den kann. Wenn die Grund­formel der Mark­twirtschaft (cap) der

Tausch (barter)
X: A / Y: B –> X: B / Y: A

ist, ist die Grund­formel von dem.soc das

Teilen (shar­ing)
X: A / Y: B –> X: 0,5A & 0,5B / Y: 0,5A & 0,5B

während com das 

Kopieren (copy­ing)
X: A / Y: B –> X: A & B / Y: A & B

zugrunde liegt.

Fort­set­zung

Wohin die Reise gehen soll

An ander­er Stelle wird disku­tiert, in welchem Maße die Krise glimpflich­er ver­laufen wäre/würde, wenn wir es nicht mit ein­er kap­i­tal­is­tisch dominierten Wel­tord­nung zu tun hät­ten. Um Bini zu zitieren:

“Ich denke es ist wichtig zu unter­schei­den, was an der gegen­wär­ti­gen und kom­menden ökonomis­chen Krise von dem Virus verur­sacht ist und was vom Kap­i­tal­is­mus. Es wäre unaufrichtig und dann auch nicht glaub­würdig, ein­fach alles auf den Kap­i­tal­is­mus zu schieben. Wenn wir genauer angeben kön­nen, welche Effek­te in ein­er nichtkap­i­tal­is­tis­chen Wirtschaft unnötig und also ver­mei­d­bar sind, kön­nen wir vielle­icht auch genauere Alter­na­tiv­en anbi­eten.“

Das Argu­ment ist überzeu­gend. Eine glaub­würdi­ge Krise­n­analyse müsste sich darum bemühen aufzuzeigen, welch­er Teil des gegen­wär­ti­gen und kom­menden Elends in ein­er bess­er (vernün­ftiger und men­schlich­er) organ­isierten Welt ver­mieden wor­den wäre. Dabei ist ein­er­seits zunächst zu kon­sta­tieren, dass ein Rück­gang der Pro­duk­tiv­ität unter jed­er real­is­tis­chen Alter­na­tivökonomie notwendig wäre: Über­all, wo Men­schen auf engerem Raum miteinan­der arbeit­en, muss ja die Pro­duk­tion still­gelegt wer­den. (Helfen kön­nte da nur eine noch weit­erge­hende Vol­lau­toma­tisierung, die aber in manchen Bere­ichen undenkbar ist.) Ander­er­seits stimmt sicher­lich auch, dass eine demokratisch kon­trol­lierte und bedürfnisori­en­tierte Ökonomie extreme Effek­te (etwa Masse­nent­las­sun­gen) ver­mei­den kön­nte und eventuell auch auf die Gefahr der Aus­bre­itung früher bess­er hätte reagieren können.

Das Haupthin­der­nis, um die Frage genauer zu beant­worten, ist logis­cher­weise die bis­lang ganz vage Vorstel­lung davon, wie die dem Gedanken­ex­per­i­ment zugrun­deliegende nichtkap­i­tal­is­tis­che Wirtschaft ausse­hen kön­nte – und ergo in welche Rich­tung sich linke Poli­tik heute auf­machen sollte. Genauere Vorstel­lun­gen zu entwick­eln scheint in der Tat eins der Gebote der Stunde zu sein.

Wesentlich dafür ist m.E. erstens, dass wir uns von mod­ell­haften Utopi­en ver­ab­schieden und statt dessen bei real existieren­den “Keim­for­men” bere­its beste­hen­der nichtkap­i­tal­is­tis­ch­er Prak­tiken anset­zen, und zweit­ens, dass wir aufhören, monis­tis­che Prinzip­i­en zugrunde zu leg­en. (An bei­den Punk­ten krank­te die Debat­te zwis­chen Marktsozialist*innen und Antimarktsozialist*innen.)

Mein Vorschlag: Wir schauen uns an, welche nichtkap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweisen es im Kap­i­tal­is­mus gibt und disku­tieren dann, wie wir sie – im Sinne eines Radikalre­formis­mus, für den Allianzen aus Bewe­gun­gen und linken Parteien treibende Kräfte sein kön­nten – so pushen, dass sie gegenüber der kap. PW die Dom­i­nanz gewin­nen (statt wie heute sub­dom­i­nant zu sein).

Fort­set­zung

Ein Grund zur Freude Zabriskie Buchladen

zabriskie-point-overvue-death-valley-united-states+1152_12994555458-tpfil02aw-29684Wie schön: Seit dieser Woche hat der neue Buch­laden Zabriskie in der Man­teuf­fel-Straße 73 geöffnet. Im Herzen von Kreuzberg wer­den den let­zten Bib­lio­philen feine Schätze, Klas­sik­er und Rar­itäten zu den The­men­feldern Gegenkul­tur, Rausch, Utopie, Obskures & Kultiges in Film und Musik geboten. Die Auswahl ist noch nicht riesig groß, aber dafür umso erlesen­er. Die kluge, geschmack­volle Leserin wird hier sich­er fündig wer­den. Hüb­sch ein­gerichtet ist der Laden auch und lädt zum Ver­weilen ein. Ich werde dort die ein oder andere gemütliche Stunde ver­brin­gen und in den schö­nen Büch­ern blät­tern. Ein Grund zur Freude!

Auswärtsspiel

Hier der Hin­weis auf eine Rezen­sion zu dem Buch Alter­na­tiv­en aus dem Rech­n­er von Paul Cock­shott und Allin Cot­trell, die ich gemein­sam mit Michel geschrieben habe und die heute bei Keim­form, dem Blog zur “Suche nach dem Neuen im Alten”, veröf­fentlicht wurde.