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Ordentliches Gekrittel am taz-Gekrakel

[1]Gedacht als “Ansprech­part­ner für brisante Infor­ma­tio­nen” gibt es seit Kurzem eine neue Rubrik in der taz: open­taz. Hier darf der ver­beamtete Geheimnisver­räter seine Doku­mente anonym abladen oder der geneigte Leser sich auch mal ein The­ma wün­schen. Dies­mal also die baden-würt­tem­ber­gis­che Schreibre­form der Grund­schulen. Anscheinend inter­essiert sich die Leser­schaft unheim­lich für dieses brisante Sujet. Klingt zwar erst unwahrschein­lich, ist es aber wahrschein­lich doch nicht — angesichts der Leser­schaft dieses Blattes (junge Eltern u. der­gl. m.).

Und wie zu erwarten: Die Taz steigt voll ein [2]. Titel­sto­ry! Schließlich geht es um unsere KINDER. Ger­man Angst wieder ein­mal. Und dies­mal ist es nicht der Ter­ror­is­mus, auch nicht der böse Musel­mann, dies­mal ist das Abend­land bedro­ht durch die ver­meintliche Abschaf­fung der Schreib­schrift.

Einige Bun­deslän­der, allen voran BaWü, pla­nen die ver­bun­de­nen Schreib­schriften abzuschaf­fen und stattdessen die Grund­schrift einzuführen. Ver­bun­dene Schreib­schriften? Das sind die (dekadisch wech­sel­nden) Schriften, die jedes Kind der 2. Klasse in eigens dafür gedruck­ten Heftchen bis zur Sehen­schei­de­nentzün­dung ein­trainieren musste, obwohl man ja schon längst eine Schrift (näm­lich die im 1. Schul­jahr müh­sam erlernte Druckschrift) beherrschte, um dann später doch eine indi­vidu­elle, per­sön­liche Hand­schrift zu entwick­eln.

Die Grund­schrift ist (und da ist Herr Füller von der taz, wie aus son­st des Öfteren, falsch informiert) auch eine Schreib­schrift. Durch ein unkom­pliziertes Sys­tem von ver­bun­de­nen Druck­buch­staben soll eine flüs­sige Hand­schrift entste­hen, mit der Kinder lebenslang les­bar, ergonomisch richtig und vor allem gerne schreiben. So hat es zumin­d­est der in der Tat renomierte Päd­a­goge Horst Bar­nitzky [3] erfol­gre­ich erprobt.

Ver­rat unser­er Schriftkul­tur” ängstigt sich Ute Andresen. Sie tut dies ständig [4] und ständig [5] und ständig [6] in der taz und Chris­t­ian Füller sekundiert [7]. Who the fuck is Ute Andresen? Laut taz “nicht irgendw­er”, denn “in Schreib­w­erk­stät­ten sitzen ihr tausende Dutzende Lehrer zu Füßen”. Aha. Dazu muss man wis­sen, dass Lehrer in der Regel unen­twegt zu Werk­stät­ten und Fort­bil­dun­gen ren­nen. Son­st wird ihnen lang­weilig. Da wun­dert es nicht, wenn mal gle­ich ein ganzes Dutzend zusam­men kommt. Ich selb­st erin­nere mich, Ute Andresen bei ein­er Fach­ta­gung gese­hen zu haben. Ihr Vor­trag war beson­ders nichtssagend, sie sin­nierte über die Wichtigkeit von Hand­schriften und Alt­deutsch­er Schön­schrift und wollte Dutzen­den Lehrern einen bes­timmten Stift, sowie bes­timmtes Papi­er, auf dem man noch ordentlich­er und schön­er schreiben könne, verkaufen. Beson­ders ärg­er­lich und dumm ist in diesem Zusam­men­hang der am 6.04.2011 in der taz erschienene Artikel “Keine päd­a­gogis­chen Inter­essen [8]”, in dem Andresen den Ver­fechtern der Grund­schrift rein ökonomis­che Inter­essen vor­wirft. Und die taz druckt dies, dumm wie sie ist, ungeprüft und unkom­men­tiert ab. Muss ja stim­men. Alles was neu ist und nicht von den Grü­nen kommt, ist garantiert irgend­wie faul. Andresen wet­tert in diesem Artikel unge­niert über die Beliebigkeit indi­vid­u­al­isierten Unter­richts, spricht der zeit­genös­sis­chen Lehrergen­er­a­tion die Kom­pe­tenz ab und wün­scht sich ein “Heer von Legas­thenikern” her­bei, nur damit sie am Ende recht behält und die Grund­schrift zum Ver­fall der Kul­turen führt.

Ist ja auch ärg­er­lich für jeman­den im Alter von Andresen. Sie hat­te sich für ihren Kampf, den jene ach so altru­is­tis­chen und dabei in Wirk­lichkeit ekel­halft selb­st­gerecht­en Päd­a­gogen kämpfen,  aus­gerech­net den Kampf für eine kor­rek­te Hand­schrift her­aus­ge­sucht. Schön sollte sie sein, med­i­ta­tiv sog­ar, auch Jun­gen soll­ten “Irgend­wann merken: ‘Fuck you’ ‘Das macht ja Spaß’ ”…

Es hätte alles so schön sein kön­nen, wenn nicht der mächtige Grund­schul­ver­band gekom­men wäre und kurz vor dem Ruh­e­s­tand ihr Pro­jekt ein­fach weggewis­cht hätte. Schön­schrift brauchen wir nicht mehr. Wir haben jet­zt und in Zukun­ft eine ein­fachere, bessere Schrift für Kinder. Andresens Aufre­gung also wun­dert nicht, vielmehr wun­dert, dass die taz der Autorin ein Forum bietetrin bietet, noch aller­hand anderen haarsträuben­den Unsinn zu schreiben und dabei ern­sthaft die hanebüch­ene Argu­men­ta­tion ein­er einzel­nen Grund­schullehrerin propagiert, während sie Stel­lung­nah­men von Bart­nitzky, dem Hauptvertreter der Grund­schrift­be­we­gung [9] (der immer­hin u.a. Vor­sitzen­der unter­schiedlich­er Min­is­teri­um­skom­mis­sio­nen war, die Ehren­dok­tor­würde der Uni Siegen trägt und Vor­sitzen­der des Grund­schul­ver­ban­des war, bevor er in den Ruh­e­s­tand ging) erst gar nicht ein­holt bzw. ein­fach ins Lächer­liche zieht.

Auch inhaltlich ist die taz auf der falschen Fährte: In der Schule gibt es tat­säch­lich wech­sel­nde Trends und in rel­a­tiv kurzen Abstän­den Neuerun­gen. Aber was ist schlimm daran? Dies hat zudem unter­schiedliche Gründe. Der wichtig­ste Grund dafür sind Kinder, die kri­tisch sind, die fra­gen: “Warum soll ich das ler­nen?”, die eigene Wege gehen möcht­en und sich nicht länger mit von Erwach­se­nen bes­timmten Wegen abfind­en wollen.

Der wichtig­ste Grund für einen indi­vid­u­al­isierten Unter­richt ist ganz gewiss der ständi­ge Zuwachs von Wis­sen in der Umwelt der her­anwach­senden Gen­er­a­tion, und der Auf­trag der LehrerIn­nen ist es, ihre Schü­lerIn­nen darauf vorzu­bere­it­en, lebenslang in der Lage zu sein, sich selb­ständig und eigen­ver­ant­wortlich dieses Wis­sen anzueignen.

Das Haup­tar­gu­ment für die Ein­führung der Grund­schrift ist ein­leuch­t­end: Die Ein­führung der kon­ser­v­a­tiv­en Schreib­schriften ist zeitraubend, hat Schü­ler­gen­er­a­tio­nen gequält und ist nicht nach­haltig. Warum also nicht eine schlechte Schrift abschaf­fen und eine neue indi­vidu­elle Schrift ein­führen und zusät­zlich mehr Zeit haben, wichtigere Dinge zu ler­nen?

Die Unfähigkeit der taz-Autoren gipfelt im Abschluß des Artikels:

In den USA ist man einen Schritt weit­er, dort kann man sehen, was geschieht, wenn Stu­den­ten ihre Ein­gang­stests nur noch auf Papi­er druck­en — 85 Prozent schreiben durchge­hend in Großbuch­staben. Und die Forsch­er war­nen. Ihre Unter­suchun­gen zeigen, dass Schüler ohne eine früh erwor­bene flüs­sige Hand­schrift zu sim­pel und zu kurz denken.

Frau Andresen und Herr Füller, von welchen Forsch­ern und Unter­suchun­gen sprecht ihr eigentlich? Und wovor wollt ihr uns eigentlich war­nen? Seid ihr nicht die besten Beispiele dafür, dass auch Per­so­n­en, die — und das seid ihr doch! — mit der Schreib­schrift aufgewach­sen sind, viel zu sim­pel und zu kurz denken?

Update: Der Spiegel greift die Debat­te anlässlich der Ham­burg­er Schul­re­form auf [10] — und lässte lobenswert­er­weise sog­ar bei­de Seit­en zu Wort kom­men (nicht wahr taz?).