Realitätsverweigerung

Es gibt drei Arten, die Real­ität unan­genehmer Zustände zu leug­nen. a) Man leugnet den Zus­tand; b) man leugnet, dass der Zus­tand ein Prob­lem ist; c) man leugnet, dass sich der Zus­tand ändern ließe. An der Kli­makrise lässt sich das beobacht­en. Es gibt nur noch wenige Spin­ner, die die Exis­tenz des Kli­mawan­dels leug­nen; ein paar mehr, die denken, er sei kein Prob­lem; aber lei­der immer noch ganz schön viele, die ihn für nicht verän­der­bar hal­ten (weil ver­meintlich nicht men­schengemacht).
Diesel­ben Strate­gien der Leug­nung find­et man auch beim Kap­i­tal­is­mus: Manche weigern sich, seine Exis­tenz anzuerken­nen (und reden immer von “der Wirtschaft”, als sei die völ­lig unspez­i­fisch); andere erken­nen den Kap­i­tal­is­mus als spez­i­fis­ches Wirtschaftssys­tem an, wollen aber nicht die von ihm verur­sacht­en Prob­leme sehen; und sehr viele Men­schen erken­nen zwar, dass der Kap­i­tal­is­mus einen Haufen Prob­leme macht, leug­nen aber, dass es Alter­na­tiv­en gibt. Im Ergeb­nis aber läuft die Real­itätsver­weigerung immer auf die gle­iche Pas­siv­ität hin­aus.

Wohin die Reise gehen soll, 3

All­ge­mein gesagt ist das größte Prob­lem des Kap­i­tal­is­mus in Zeit­en der Krise, dass die indi­vidu­ellen Reak­tio­nen von Unternehmer*innen gesamtheitlich betra­chtet nicht­in­tendierte neg­a­tive Fol­gen haben: Eine Unternehmer*in entlässt die Hälfte ihrer Belegschaft, weil sie die Gehäl­ter nicht mehr zahlen kann. Die ent­lassene Belegschaft ver­liert mit ihrem Einkom­men ihre Kaufkraft, daher geht die Nach­frage von Kon­sumar­tikeln zurück. Das belastet wieder andere Unternehmer*innen, die ihrer­seits nun ent­lassen müssen und­soweit­er.

Daraus ergibt sich ein dynamis­ches Schrumpfen der Wirtschaft, die soge­nan­nte Rezes­sion. Für „die Wirtschaft“ ist das schlecht, für die ent­lasse­nen Leute auch. Gut dage­gen ist es für die Natur und das Kli­ma.

Wahnsin­nig unfair ist der Kap­i­tal­is­mus, weil die Krisen­fol­gen so wahnsin­nig ungle­ich verteilt sind: Manche (etwa Lebens­mit­tel­händ­lerin­nen) prof­i­tieren, während andere (etwa Restau­rantbe­sitzerin­nen) lei­den. Egal, ob die Krise endo­gen (z.B. durch Finanz- und Immo­bilien­speku­la­tion) oder exo­gen (z.B. durch eine Pan­demie) pro­duziert wurde, im Kap­i­tal­is­mus tre­f­fen die Fol­ge­be­las­tun­gen manche sehr hart, manche gar nicht. Der Idee indi­vidu­eller Ver­ant­wor­tung spricht das Hohn (jede ist ihres Glück­es Schmiedin, hoho): Warum sollte es meine Schuld sein, wenn ich statt eines Gemüse­ladens ein Falafel­restau­rant eröffnet habe?

Alter­na­tive Wirtschaftsmod­elle müssten sich also unter anderem daran messen lassen, dass sich a) aus Krisen keine die Krisen ver­stärk­enden Krisen­dy­namiken ergeben, und b) dass die pos­i­tiv­en wie die neg­a­tiv­en Effek­te des Wirtschaftens unge­fähr gle­ich­mäßig verteilt wer­den.